Cardigan

Aus Nähstuben wurden Fabriken, verstreut über „Trizonesien“, gefördert von Bürgermeistern und Ländern, um Flüchtlingsfrauen Arbeit und Brot zu geben. Aus Schneidern wurden industriell denkende Unternehmer, die investierten und Tausende von Arbeitern an Fließbändern beschäftigten. Sie deckten den Bedarf an Kleidung, die ein paar Jahre halten sollte. Langfristig geplant konnte sie in großen Einheiten produziert werden. Wichtig waren stabile Stoffe, die man in vielen Lagen zuschneiden konnte; wichtig auch die ausgefeilten Grundschnitte, die man durch Details variierte. Aus Amerika holte man Automaten und bastelte Zusatzteile für Knopfleisten, Taschen und ähnliches. Die Technik regierte. Mode überließ man den Berlinern mit ihrem flexiblen „alten“ Zwischenmeister- oder „Verlags-System“.

Der Mantelkönig teilte den Kunden sogar zu, wieviel sie ordern durften. Mancher bat um mehr, denn die delmod-Ware verkaufte sich blendend, aber Bürgel blieb hart: „So viel kann Herr Schulz am Ort X problemlos verkaufen. Mehr ginge in den Schlussverkauf. Ein Markenprodukt muss begehrt bleiben.“ Über Reisende hatte der „King“ einen exakten Überblick über die Kunden und ihre Bedeutung am Standort. Und Bürgel lieferte manchmal eine andere als die bestellte Farbe, wenn die Nachfrage sich veränderte.

Zu Mänteln kamen Kostüme und Cardigans, die bis Mitte der 60er Jahre einen wahren Boom erlebten. Hervorragende Passform dank des Hohensteiner Größensystems, das sich Mitte der 60er Jahre durchsetzte, gute Qualität und ausgezeichnete Verarbeitung wurden zu Gütezeichen der Konfektion „made in Germany“, die auch unsere europäischen Nachbarn zunehmend schätzten. Es gab Firmen, die nur Cardigans, andere, die Mäntel und Kostüme produzierten. Das waren die „Könige“ der DOB-Industrie, wie die Konfektion seit der Gründung des Verbandes 1950 hieß. Zu den Königen zählten Bürgel, Marsian, Erlhoff, Louisoder, Ralph und Velisch. Hersteller von Kleidern oder Cardigans, den kleinen Teilen, galten als „Barone“, wenn sie industriell produzierten. Auch Zwischenmeister bauten Fabriken und fertigten ganze Modellserien für Konfektionäre, deren eigene Produktion darauf technisch nicht eingerichtet war.