Wolle

Mitte der 80er Jahre verfielen die Menschen von New York über Düsseldorf bis Tokio dem Konsumrausch – mit Statussymbolen an Hals und Handgelenk, Designer-Outfits aus Cashmere, Leder oder Supercento-Wolle, Sportwagen, Mountainbikes, Karibik-Weekends. Es galt, aufzufallen, bewundert zu werden, Erfolg zu haben um jeden Preis, das war bei uns das Ziel der Jahre zwischen 1986 und 1991. Die Medien stürzten sich auf die Ultras und Yuppies. „Cool“ und „hip“, „bona to shop“ waren die Slogans einer Generation der Aufsteiger, die das „Alles haben wollen und das sofort“ auf ihr Panier geschrieben hatten. Die Umsätze boomten, alles schien möglich. Nachhaltig getrübt wurde diese Stimmung – im Ausland – erstmalig durch den Schwarzen Freitag an der Wallstreet (1987), der auf Pump gebaute Wirtschaftsimperien zu Fall brachte. Und dann kam 1990 der Golfkrieg. Ihm folgte eine Rezession, von der sich die westliche Welt einschließlich Japan nur mühsam erholt.

Deutschland hatte einen Sonderstatus, Die Wiedervereinigung bescherte uns ein Zwischenhoch, stimuliert durch Kaufrausch im Osten und Optimismus im Westen. Im Januar 1991 konnte der „Spiegel“ noch titeln: „Zum Kaufen geboren“. In dem zehnseitigen Artikel wurde alles aufgelistet, was deutsche „Mehrverdiener“ an Luxusartikeln schätzten. Für den „indiskreten Charme linker Polit-Bourgeoisie“ wurden Niedersachsens Ministerpräsident mit seiner 30.000 Mark-Rolex und ein anderer Minister mit seiner Suche nach Hemden aus echtem Sea-Island-Cotton zitiert. Nicht zu vergessen: die Einmaligkeit nummerierter Prestige-Produkte.

Im Dezember 1994 postulierte der „Stern“ die „Luxese“, den Luxus plus Askese: Weniger kaufen, dafür aber vom Feinsten. Understatement nach außen sei das Gebot, Raffinement nach innen erwünscht. Die Lifestyle-Gurus behielten Recht. Pomp und Protz sind out. Aus dem demonstrativen Luxus wurde der Luxus für Kenner. Edle Schuhe und Taschen von Prada, Gucci, Chanel, Hermes oder Ferragamo, das Insbesondere Futter eines Mantels aus hochwertiger Wolle, die „Wellness“, das Wohlbehagen mit sich und seiner Umwelt, die Freude an Kunst und Kultur und deren Förderung knüpfen an einen Wert an, der im Adel und Großbürgertum des britischen Empire mal selbstverständlich war: mehr sein als scheinen.